Was sind die Gründe, die dazu beigetragen haben, dass sich das tradierte Rollenverständnis bei vielen Führungsverantwortlichen der Polizei so hartnäckig halten konnte, obwohl es doch gesellschaftlich längst überholt zu sein scheint. Zunächst einmal ist Polizei ein klassischer Männerberuf. Auch hier ist eine Tatortanalogie zulässig.
Vor dreißig Jahren erschien die erste "Tatort"-Kommissarin, gespielt von Nicole Heesters, auf der Bildfläche. Die Bedeutung ihres Engagements habe sie unterschätzt, berichtet die Schauspielerin später. Die Öffentlichkeit nahm ihr die Rolle nicht ab. Es hagelte Proteste. Ihr Engagement wurde von den Medien verrissen. Nach drei Folgen war für elf Jahre Schluss mit Frauen im Ermittlerteam des Tatorts.
Erst 1989 gelang es Lena Odenthal als Ermittlerin mit stark ausgeprägten maskulinen Attitüden nachhaltig zu etablieren. Bei der Polizei im Land Bremen wurden – von besonderen Ausnahmen abgesehen – erst seit 1987 Frauen als Berufsanfängerinnen eingestellt.
Männerberufe verfügen zwangsläufig über eine geringere Sensibilität, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Der Themenkreis konnte bei der Prägung des historisch gewachsenen Berufsbildes ausgeblendet werden.
Polizisten identifizieren sich in der Regel sehr stark mit ihrem Beruf. Ein elementares Grundprinzip polizeilicher Berufsethik, lässt sich in einem Satz zusammenfassen:
Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps!
Eine grobe, fast schon platte Vereinfachung, zugegeben. Aber der Satz reflektiert eine Einstellung, gegen die erst einmal nichts einzuwenden ist. Gerade die Polizei muss strikt zwischen Beruflichem und Privatem trennen. Grobe Vereinfachungen schüren aber auch Vorurteile. Familie ist kein Dienst und wenn Familie kein Dienst ist, muss Familie Schnaps sein – logisch! Auf diesem Wege werden Beschäftigten mit familiären Pflichten eben als bequeme Müßiggänger wahrgenommen.
Der Beruf prägt das Wertesystem. Polizeibeamte sind von der Tendenz her eher konservativ und schätzen wie alle Beamten die Sicherheit bewährter Strukturen, dazu gehört natürlich auch das tradierte Familienbild.
Polizeibeamte in Führungsfunktionen verfügen in der Regel auch über die notwendigen Mittel. „Ich kann es mir leisten, meine Frau muss nicht arbeiten!“
Die Beamten in den oberen Führungsfunktionen des höheren Dienstes der Polizei, haben in Bremen und Bremerhaven, aber auch in vielen anderen Bundesländern eine insgesamt achtjährige Ausbildung absolviert. Die zwei- bzw. dreijährigen Ausbildungsabschnitte waren jeweils von Phasen der beruflichen Orientierung, einer verpflichtenden Vollzeitverwendung und der Einarbeitung in neue Aufgaben unterbrochen.
Auch wenn die Ausbildung inzwischen auf sechs Jahre verkürzt wurde, müssen Beamte, die diesen Weg beschreiten wollen, bereit sein, ihr familiäres Engagement im Alter zwischen zwanzig und vierzig Jahren zurück zu stellen und den Fokus voll und ganz auf die berufliche Karriere zu setzen.
Beamte des höheren Dienstes werden bundeseinheitlich an der Deutschen Hochschule für Polizei in Münster ausgebildet. 2006 sollten wir im Rahmen einer Länderumfrage erklären, mit welchen Maßnahmen wir es unterstützen, dass Frauen der Aufstieg in den höheren Dienst gelingt. Die Antwort lautete: Wir haben Strukturen geschaffen, die es verhindern, dass Frauen in den höheren Polizeidienst aufsteigen.
Beruf und Familie kann man in Spitzenfunktionen der Polizei nur vereinbaren, wenn man ein Mann ist, dessen Partnerin bereit ist, eigene berufliche Ambitionen zu Gunsten der Familie zurückzustellen.
Es besteht also die große Chance, dass das Familienbewusstsein bei einem großen Teil der Führungsverantwortlichen nicht besonders ausgeprägt ist.